Schöne neue Arbeitswelt.

Digitalnomaden reisen und arbeiten von überall aus - Hauptsache WLAN.

Heute in der Karibik, morgen in Südafrika: Der Alltag von Digitalnomaden gleicht dem von Aussteigern und Weltenbummlern. Doch statt nur Urlaub zu machen, arbeiten sie auch – im Strandcafé, im Hostel oder einem Coworking Space. Was paradiesisch klingt, braucht eine Portion Mut und eine Menge Disziplin.

Wenn man sich von dem Gedanken löst, dass der Arbeitsplatz ein fester Ort ist, ist man dem Digitalnomaden-Trend schon sehr nah. Denn wer sagt denn, dass Büroarbeit bedeutet, immer zur gleichen Zeit, am gleichen Ort, den gleichen Trott zu haben? Neben Smartphone-Zombies, Avocado-Händen und Katzenflausch bringt uns das Internet nämlich vor allem eines: Ortsunabhängigkeit. Man ist nicht mehr gebunden und kann seine Workstation quasi überall einrichten.

Arbeitsvoraussetzungen für Digitalnomaden sind einzig und allein Laptop und ein Wlan-Netz, in das man sich einloggen kann. Mails beantworten, Texte schreiben oder Bilder bearbeiten kann man schließlich beim Cappuccino im Café genauso gut wie am Strand oder im Coworking Space, wo man in lockerer Arbeitsatmosphäre andere Leuten kennenlernt und Netzwerke knüpft.

© Katrin Sikoroa

Vor allem Asien ist ein perfekter Ort für Büroaussteiger: günstige Lebenshaltungskosten, nahezu überall kostenloses Wlan und fast immer bestes Wetter. Das findet auch Katrin Sikora. Die Stuttgarterin hat Literatur und Filmwissenschaft studiert und arbeitet als freie Texterin und Stylistin. Im Februar diesen Jahres zog sie nach Südostasien. Seitdem lebt und arbeitet die 31-Jährige dort, wo andere Urlaub machen.

In ihrer neuen Welt als Digitalnomadin sind Arbeit und Leben nicht mehr strikt voneinander getrennt. Doch das findet Sikora gar nicht schlimm: „Ich liebe meinen Job und er ist Teil meines Lebens. Da gibt es für mich keine Trennlinie. Das klingt jetzt etwas merkwürdig, aber wenn ich meinen Laptop bei mir habe, geht’s mir gut. Dann bin ich frei und flexibel und kann hingehen, wohin ich will.“

Hauptsächlich arbeitet sie für Kunden aus den Bereichen Mode, Kunst, Film und Kultur – zuletzt von Bali aus. „Kontakt halte ich mit den Kunden über E-Mail und Videotelefonie. Die digitale Welt macht’s möglich!“ Schon während ihres Studiums konnte sich Sikora nur schwer mit dem Gedanken anfreunden, ihr Leben lang einen klassischen Büro-Job zu machen. Als sie eine andere Digitalnomadin kennenlernte, festigte sich diese Idee in ihrem Kopf. „Irgendwann stimmte der Zeitpunkt – und ich habe es einfach gemacht!“

Ihre neue Arbeitskulisse ist jetzt Strand, Meer und ihr Laptop. So stellt man sich das zumindest vor. Aber: „Es ist eher ein Klischee oder die Ausnahme, dass man da mit einer Kokosnuss am Strand rumhängt und nebenbei in die Tasten hämmert.“

Der Arbeitsalltag sieht folgendermaßen aus: Sie steht auf, checkt Mails und schreibt sich eine To-do-Liste für den Tag, die sie dann Schritt für Schritt abarbeitet. „Die Grundvoraussetzung für meine Arbeit ist gutes Internet. Also arbeite ich oft in einem Coworking Space oder irgendwo, wo es zumindest einen Schreibtisch für mich gibt.“ Also alles gar nicht so anders als im Großraumbüro in Stuttgart – „nur eben mit einer netteren Aussicht und besserem Wetter.“

Zu dieser Aussicht gehört allerdings ein Lifestyle, für den man gemacht sein muss, findet die Freelancerin. „Man muss bereit sein, ein großes Stück Sicherheit aufzugeben. Wer das nicht möchte, für den ist das meines Erachtens einfach nicht das Richtige.“ Nur Zuckerschlecken ist das Digitalnomadentum auch nicht: Es ist wichtig, ein gewisses Budget für Notfälle zu haben, sich um eine Auslandskrankenversicherung kümmern, bereit sein, komplett auf sich alleine gestellt zu sein – Familie und Freunde leben in weiter Entfernung – und natürlich realistisch abzuchecken, ob das eigene Business-Modell auch wirklich trägt. „Für mich war wichtig, vorab einige Dinge zu regeln, ich habe einen kleinen Kundenstamm mitgenommen, der mein monatliches Einkommen sichert und habe für ein finanzielles Backup gesorgt“, erklärt Sikora.


© Johannes Lutz und Lisa Breiter

Ganz ähnlich geht es auch Johannes Lutz und Lisa Breiter. Die beiden Reutlinger sind gerade in Bolivien. Auf ihrem Reiseblog und auf Youtube teilen sie täglich ihre Erfahrungen und Erlebnisse. Vor der Weltreise arbeitete die 25-Jährige Lisa Breiter zwei Jahre als Physiotherapeutin, Johannes Lutz absolvierte sein International-Management-Studium in Reutlingen und Dublin.

Dann lief alles wie bei Sikora: Die Idee wurde konkret, die Wohnung und der Job gekündigt und mit einem One-Way-Ticket ging es los über Thailand, Myanmar, Europa bis nach Südamerika. „Wir haben ein ganzes Jahr gespart und geplant. Nachdem Johannes seinen Abschluss in der Tasche hatte, war für uns die beste Zeit“, erzählt Breiter.

Einige Einnahmen kann das Blogger-Pärchen mittlerweile über ein PayPal-Spendenkonto erzielen sowie durch YouTube oder Affiliate-Links, indem sie auf ihrer Internetplattform Produkte vorstellen und für sie werben. „Aber um die Reise zu finanzieren, reicht das noch nicht aus. Allerdings bekommen wir schon erste Anfragen für Kooperationen mit Firmen, beispielsweise zum Testen von Reiseprodukten“, erzählen die beiden.

Für ihre Arbeit brauchen sie ebenfalls gute Technik und ein gutes Netz. „Im Schnitt verbringen wir pro Tag drei bis sechs Stunden vor unseren Laptops und schneiden die Videos, laden sie hoch, befeuern unseren Blog.“ Die Arbeit macht ihnen Spaß, auch, weil sie sie beliebig gestalten können. Immerhin gilt es, auch Land und Leute kennenzulernen.

Auch bei Sikoras Routine gibt es stets Raum für einen kurzen Abstecher an den Strand. Arbeits- und Lebenswelten verschwimmen und man wird flexibler. „Ich arbeite jeden Tag, Wochenenden gibt es in dem Sinne nicht. Dafür teile ich mir die Zeit frei ein: Wenn ein Sonnenaufgang am Vulkan ansteht, fange ich eben später an und sitze dafür etwas länger. Diese Freiheit ist für mich einer der größten Vorteile und ich möchte sie nicht missen.“

Text: Mara Veigel