Joboption YouTube

Wie Stuttgarter im Netz Geld machen.

Klick, Klick, Karriere?

Früher war die Sache recht einfach: Es tatsächlich vor die Kamera zu schaffen, war nahezu unmöglich. Wer es aber doch geschafft hat, der war berühmt. Heute kann jeder vor der Kamera sein Glück versuchen, ein Star ist man deshalb noch lange nicht. Das ist eben der kleine, aber feine Unterschied zwischen dem guten, alten Fernsehen und Youtube. Dem Internetportal scheint die Zukunft zu gehören und die Fernsehsender müssen sich warm anziehen.

Auch in Stuttgart gibt es sogenannte Youtuber, von denen einige innerhalb kürzester Zeit nicht nur eine riesige Fangemeinde aufbauen sondern auch richtig viel Asche damit verdienen konnten. Das Geschäftsmodell ist einfach erklärt: Wer ein kurzes Werbefilmchen vor seinem Youtube-Video abspielen lässt, der bekommt dafür ein paar Cent vom Seitenbetreiber als Provision.
Wer einige Millionen Klicks erzielen kann, der wird reich. Das haben auch die Werbekunden selbst herausgefunden, weshalb immer mehr Internetstars gesponsert werden, oft nur mit kostenlosen Produkten, hin und wieder aber auch mit ganz ordentlichen Geldbeträgen. Solange man das offen angibt, ist das völlig legal.


FREEKICKERZ

Den größten Youtube-Kanal aus der Region können die sogenannten Freekickerz vorweisen. Fast sechs Millionen Abonnenten schauen den Kumpels beim Kicken zu. Angefangen hat alles in einem kleinen Dörfchen zwischen Filderstadt und Reutlingen, in Altenriet. Hier hat Konstantin Hert die Idee gehabt, Fußballtricks bekannter Spieler nachzustellen und so haben sich zwischenzeitlich richtige Challenges entwickelt. Mal treten die Jungs um Konstantin gegen Bayernstar Lewandowski im Elfmeterschießen an, mal schauen sie, was Ex-VfB-Torwart Timo Hildebrand noch alles im Kasten regeln kann.

„Die Idee kam mir beim Studium in Hohenheim. Da haben wir viel über Social Media gelernt. Ich habe mit zwei Kumpels den Kanal aufgemacht, ohne zu ahnen, wie groß das mal wird“, hat Hert in einem Interview vor einem Jahr erzählt, damals hatte der Kanal noch zwei
Millionen Fans weniger.

FREEKICKERZ

NAME: Konstantin Hert (30)
ORT: Altenriet
FANS: 5.900.000 Abonennten
THEMEN: Fußball, Fußball, Fußball
ERFOLGREICHSTES VIDEO: „FC Schalke Profi zerstört uns in Fußball Challenge" (486.000 Klicks)

www.youtube.com/freekickerz


HERR TUTORIAL

Der berühmteste Stuttgarter, der sich auf der Videoplattform im Moment ein goldenes Näschen verdient, ist allerdings Sami Slimani – auch wenn er „nur“ 1,6 Millionen Abonnenten zählt. Der Gute-Laune-Videostar wurde vor 27 Jahren in Esslingen geboren, ist im Kessel aufgewachsen und soll noch immer hier zu Hause sein.

Ganz unumstritten ist Slimani nicht, so ist er gerne Zielscheibe von Moderator Jan Böhmermann und selbst die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LfK) hat ein besonderes Auge auf ihn geworfen. Eine Abmahnung wegen des Verdachts auf Schleichwerbung gab es bereits – er soll nicht überall klar gekennzeichnet haben, wo ein Sponsor im Spiel war. Seinen über anderthalb Millionen Followern ist das egal – und die spülen schließlich das Geld in seine Kassen.

HERR TUTORIAL

NAME: Sami Slimani (27)
ORT: Stuttgart
FANS: 1.600.000 Abonennten
THEMEN: Lifestyle, Gute Laune, Do It Yourself, Pickeltipps
ERFOLGREICHSTES VIDEO: „Wahrheit oder Pflicht mit Shanti!“ (1,6 Millionen Klicks)

www.youtube.com/SamiSlimani


SNUKIEFUL

Marie Johnson hatte noch keine Probleme mit der LfK. Sie kennzeichnet gesponserte Videos ganz klar und ist unter ihrem Künstlernamen Snukieful das offizielle Gesicht der Youtube-Kanäle von Coca-Cola und Nivea. Hier ist also klar, wo die Kohle herkommt. Mehrere hunderttausend Menschen schauen ihre Clips an, über 400.000 Fans haben sie fest abonniert.

In ihren Videos geht es nicht nur um Softdrinks und Gesichtscreme, sondern um Mode, Haare, Schminke, Alltagstipps, ihre Katzen und ihren Freund Alex, mit dem sie in Leinfelden wohnt. Er ist mittlerweile selbst Youtube-Star geworden. Auf die Frage, ob sie davon schon leben kann, kommt ein für die Branche erstaunlich offenes: „Ja, mittlerweile auf jeden Fall.“

Snukieful ist der Prototyp einer schönen Youtube-Karriere: Marie Johnson wurde nicht aufwendig gecastet, ist bei keinem Management unter Vertrag und hat ihren Kanal tatsächlich mal rein als Hobby aufgemacht. „Als ich vor fünf Jahren angefangen habe, da gab es die ganzen Product-Placement-Sachen noch gar nicht, da war es bei den meisten nur ein Hobby. Mittlerweile ist daraus eine ganze Branche entstanden“, erklärt die 24-Jährige.

Um in dieser Branche vorne mitzuspielen, muss man einiges an Zeit und Fleiß investieren und immer am Ball bleiben, sonst sinken die Follower- und Klickzahlen und damit der Umsatz. So einfach läuft das Spiel. „Ich bin jeden Tag meist von morgens bis tief in die Nacht mit der Arbeit beschäftigt. Das Drehen, die Vorbereitungen, die Nachbearbeitung inklusive Schnitt und Ton, Hochladen, die anderen Social-Media-Kanäle pflegen – das mache ich ja alles selbst, da bleibt wenig Zeit für anderes.“  Marie spricht selbst immer wieder davon, dass sie großes Glück hatte und dass der größte Fehler ist, davon auszugehen, dass man im Internet schnell und unkompliziert Geld verdienen kann.

Der Markt wird größer, der Konkurrenzdruck aber auch und so ist sie bei der Flut neuer Youtuber skeptisch: „Wenn man die richtige Idee hat und vor allem jetzt noch etwas findet, das keiner zuvor gemacht hat, nur dann kann man vielleicht noch über Nacht zum Star werden. Aber im Moment gibt es einfach zu viele, die dasselbe machen. Und es kann jederzeit vorbei sein, also besser nicht zu sehr darauf hoffen, dass es mit der Youtube-Karriere klappt, sondern lieber als Absicherung eine Ausbildung oder ein Studium machen.“

SNUKIEFUL

NAME: Marie Johnson (24)
ORT: Leinfelden
FANS: 410.000 Abonnenten
THEMEN: Make-up, Frisuren, Mode, Alltagstipps
ERFOLGREICHSTES VIDEO: „Meine Haare: von lang nach kurz“ (761.000 Klicks)

www.youtube.com/Snukieful


SCHRUPPERT

Selina Gaiser ist 22 Jahre alt und zählt im Gegensatz zu Snukieful, Sami oder den Freekickerz zu den neueren Gesichtern auf Youtube. Sie betreibt den Kanal „Schruppert“ und hat in wenigen Monaten knapp 30.000 Follower auf ihre Seite ziehen können. Ihre erfolgreichsten Videos haben über 200.000 Klicks. Viel wichtiger ist aber, wer durch ihre eigenen Videos auf sie aufmerksam geworden ist: EMP – ein Onlinehändler für Bandmerchandising und andere Fanartikel, der jährlich einen dreistelligen Millionenumsatz erzielt und Selina als Moderatorin für die verschiedenen EMP-TV-Formate engagiert hat.

Bei Facebook hat EMP über 1,2 Millionen Fans und sie alle kennen Selina. „Ich habe mit den Youtube-Videos durch mein Online-Medien-Management Studium in Vaihingen angefangen. Da hat man halt gelernt, wie man Videos schneidet und ein paar meiner Kommilitonen hatten auch schon ihre eigenen Kanäle“, erklärt die Studentin mit den bunten Haaren, Tattoos und Piercings aus Stuttgart-Ost. Sie ist sich sicher, dass sie den Job bei EMP niemals bekommen hätte, wenn sie nicht immer sie selbst geblieben wäre: „Du musst einzigartig sein und vor allem darf man sich nicht verstellen.“

Auch Selina weiß, dass ihre Konkurrenz groß ist und sieht Youtube nicht unbedingt als Altersvorsorge: „Man sollte Youtube nutzen, um sich zu präsentieren und dann hoffen, dass daraus etwas entsteht, das auch länger lukrativ ist. Klassische Moderatorenjobs oder sonst irgendwas, was einen weiterbringt.“

SCHRUPPERT

NAME: Selina Gaiser (22)
ORT: Stuttgart-Ost
FANS: 28.000 Abonnenten
THEMEN: Musik, Festival, Sex & Liebe, Haarefärben
ERFOLGREICHSTES VIDEO: „Haare Lila Blau Türkis färben mit Directions“ (239.000 Klicks)

www.youtube.com/Schruppert


Professor Mike Friedrichsen von der Hochschule der Medien (HdM) kennt das schnelllebige und hart umkämpfte Geschäft im Netz. Er ist Professor für „Media Economics and Media Innovation“ am Studiengang Wirtschaftsinformatik und digitale Medien in Stuttgart und Gründungspräsident der Berlin University of Digital Sciences. Friedrichsen warnt ebenfalls davor, auf den großen Reichtum mit selbstgedrehten Videos zu hoffen und erklärt, wieso es für Youtuber immer schwieriger wird, mit Videos Geld zu verdienen: „Viele haben in den letzten Wochen schmerzhaft erfahren müssen, dass die Plattform es ihnen laufend schwerer macht, mit Videos Einnahmen zu erzielen.“

Das Schlagwort laute dabei: Demonetarisierung. Das heißt, das Youtube immer mehr Videos von der Möglichkeit ausschließt, durch Werbeeinblendungen Geld einzuspielen. Das ist vor allem auf neue Richtlinien von Youtube zurückzuführen.“  Man sollte seiner Meinung nach auf keinen Fall darauf hoffen, auf der Plattform alt zu werden, sondern sie eher als Sprungbrett zu sehen. „Social Influencer werden immer wichtiger, insbesondere für die werbetreibende Wirtschaft“, so der Professor.

Aber wie ist das eigentlich als Prof an verschiedenen Unis mit Medienbezug: Kann man Youtube erlernen? „Das Geheimnis des Erfolges vieler Youtube-Stars ist wohl die Unbekümmertheit und Unbefangenheit in der Produktion und Umsetzung ihrer Videos“, so Friedrichsen. Dafür gebe es einen Markt und der werde so auch bestens bedient. Allerdings sei langanhaltender Erfolg natürlich auch mit der Qualität der Produktion verbunden. Dazu bedarf es einer gewissen Kernkompetenz, die man an Hochschulen erlernen kann. Ganz unnabhängig davon werde es aber auch immer wieder Naturtalente geben, die es auch als Quereinsteiger direkt schaffen, glaubt Friedrichsen.    

Text: Alexander Franke