Maya is back

Kulturschock Deutschland

Mayas Blogbeitrag vom 19.08.2017

...und da sitze ich nun, an meinem deutschen Laptop, in meinem deutschen Zimmer und schreibe über mein Wiederkehren aus dem Ausland. Mein Buenos Aires Leben, die Latino Welt und alles ist plötzlich 11.000 km entfernt und ich muss mich damit auseinandersetzen das ich eigentlich wieder hier in Deutschland bin. Hinter mir liegt ein Jahr voller Chaos, Improvisation, Abenteuer, Reisen, einer fremden Kultur und Sprache die ich kennen und lieben gelernt habe.

Es ist schwierig, man geht aus Deutschland weg, lässt Freunde, Familie, Freizeitclubs,... ein ganzes Leben und 300 Komfortzonen zurück und geht wohin, wo man niemanden kennt. Dadurch hat man dort die Möglichkeit, ohne dass die Leute schon einen Voreindruck von dir haben, sich eine Identität, ein neues Leben aufzubauen. Man lernt neue Leute kennen, findet Freunde oder findet keine, lernt sich zurechtzufinden, Bus zu fahren, einzukaufen,... baut sich einen Alltag und eben ein neues Leben auf. Während man dann Stück für Stück die Kultur kennenlernt, durch Motivations und Moralitätskrisen stolpert kommt man plötzlich zu dem Moment in dem einen klar wird, dass die Zeit begrenzt ist, dass das Jahr bald vorbei ist und plötzlich steigt man in den Flieger.... und dann BÄÄÄM ist man wieder im Land der Pünktlichkeit, des geordneten Lebens, der Finanzbehörden und Risikoversicherungen, der Ordnung und Struktur, des deutschen Systems.

Das Zurückkommen in unsere Leistungsgesellschaft und noch dazu, nach so einer langen Zeit und so einer veränderten Wahrnehmung fällt mir persönlich total schwer.. Verabredungen nach Uhrzeiten, Tage im Vorraus zu planen, Arzttermine legen, Busse nach Plan zu nehmen, die Dinge nicht halb improvisiert sondern irgendwie nach den Verordnungen irgendeines Anderen richtig zu machen, kommt mir plötzlich teilweise total sinnlos vor. Ja warum wird in meiner Stadt ein Spielplatz gebaut ohne Zulassung und darf dann wegen irgendeinem Papier nicht benutzt werden? Es gibt so viele Fälle in denen unser System, sich schon fast selber im Weg steht. Klar, wir leben dafür in einem gebildeten und fortentwickelten Land, haben eine Top Bildung und gehören zur Weltspitze was Wirtschaft, Bildung, technischer Fortschritt und was weiß ich angeht. Wir sind sicher, Kinder können ungestört auf der Straße spielen, haben toll ausgebildete Sportler, n meist sehr gutes Fußballteam und sind weltweit mit unserem "made in Germany" EIGENTLICH sehr anerkannt...

ABER ich habe das Gefühl dadurch wird man auch irgendwie in so eine Leistungswelt hineingeboren. In der dir die Gesellschaft schon von Kindergarten an vermittelt: du musst später mal irgendwas werden. Und bitte kein Versager. Du musst studieren, du musst was gescheites lernen, du musst mal Geld verdienen können, deine Rente zahlen können, du musst du musst du musst... Im Vergleich dazu ist die Latino Kultur eben komplett was anderes. Was wir an den latinos als "faul und träge"-Vorurteil sehen, ist einfach eine komplett andere Einstellung zur Zeit und dem Leben in einer eben komplett anderen Umwelt. Ja, denn wenn man sein Leben nach Verabredungen und Terminen lebt, muss man aufpassen dass man nicht in den alltäglichen Verabredungsstress kommt. In einem Land in denen die Busse keine Uhrzeiten haben plant man natürlich auch keine Verabredungen auf den Punkt. Während ich in Buenos Aires oft vor gescheiterten Verabredungen, Unzuverlässigkeit, Leuten die einfach nicht absagen, sondern nie kommen sowie tausend leeren Versprechungen, die nie gehalten wurden, stande, muss ich jetzt hier erstmal wieder drauf klarkommen dass die Menschen anders ticken und das was sie sagen auch so meinen. Zumindest meist. Dafür fehlt mir das herzliche, lateinamerikanische hier total. Die Tatsache, dass die Frau aus der Eisdiele gegenüber mich nicht mehr wie eine geliebte Enkelin behandelt sondern freundlich reserviert, wie einen Kunden. Obwohl ich schon jahrelang bei ihr Eis gegessen habe und bei meiner argentinischen Eisverkäuferin eben gerade mal 11 Monate... Dass der Gemüsehändler mich nicht mehr seine Prinzessin nennt und mit einer Selbstverständlichkeit meinen Backpack wiegt, weil niemand eine Waage hatte, sowie die Leute hier eben keine Küsschen mehr geben und dich nicht mehr mit Liebe überhäufen. Alles so Oberflächliche Kleinigkeiten an der Kultur dort die mir im Alltag im klarer werden und so fehlen. Das Chaos, die Lautstärke, das Kilombo von den Buenos Aires Straßen und Bussen. Die jetzt eben ein Jahr meine Heimat waren und es irgendwie auch immernoch sind. Natürlich sind all die Dinge die ich beschreibe auch speziell für den Umkreis in dem ich mich bewegt habe dieses Jahr, meine Gastfamilie, Erzieherinnen, Gemüsehändler und Eisverkäuferinnen,... und nicht alle Argentinier sind so herzlich, warm und nicht alles dort ist rosig und nicht alles hier ist schlecht. Aber irgendwie kommt es mir im Moment genau so vor und mir fehlt das lateinamerikanische. Das Gefühl vor Ort soo.. sowie die Leute dort natürlich auch. Von dem Kulturschock haben alle erzählt und alle meinen es wird besser, nach einiger Zeit...

aber will ich dass es besser wird?

Will ich die Latina in mir und an mir verlieren? Ich war ein Jahr weg und das Zurückkommen in die Heimat fühlt sich einfach komisch an, weil sich in mir innerlich auch einfach zu viel verändert hat in diesem Jahr und jetzt zurückkommen in das gleiche Umfeld, aber alles irgendwie anders aufzunehmen, ist auch sehr verstörend.. Außerdem frage ich mich oft, was eigentlich mich selbst ausmacht, mein "deutsches ICH" oder mein Argentinisches? Und wo ich wirklich hingehöre.. 

Die Antwort dazu zu finden wird wahrscheinlich jetzt einige Zeit dauern... 🙂 was ich inzwischen als Anfang sehe, ist zu sagen: ich nehme Argentinien und die Latino Kultur mit mir und behalte die Ruhe und Gelassenheit in mir als ein Ausgleich zu dem konstanten Leistungsdruck den es hier eben leider gibt. 

Wies jetzt bei mir weitergeht kann ich noch nicht so genau sagen. So wie ich in Buenos Aires gelernt habe, dass es wichtig ist Pläne zu machen, aber genauso wichtig ist die Möglichkeit zu besitzen alles über 'n Haufen werfen zu können und zu machen worauf man Lust hat. Ich werde jetzt wahrscheinlich in Köln anfangen mehrsprachige Kommunikation (mit Spanisch) zu studieren und mal schauen ob das zu mir passt. Aber wie gesagt, kann sich jederzeit ändern... 

Lieben Dank an alle die dieses Jahr meinen Blog so fleißig verfolgt haben, ich habe inzwischen echt ein paar Rückmeldungen bekommen und mich über jeden einzelnen der sich die Zeit genommen hat, um mein Jahr zu verfolgen total gefreut. Vllt melde ich mich nochmal nach unserem Seminar!

... entonces hasta pronto!