Maya - der Auslandeffekt

Auslandsjahr. Aupair in Amerika, Work and Travel in Australien oder eben einen Freiwilligendienst in Argentinien.

Maya: Bei uns in Deutschland ist es geradezu Trend geworden, nach dem Abitur nicht gleich den vorgegeben Weg zu gehen, sondern erstmal ein bisschen durch die Weltgeschichte zu reisen, um sich selbst zu finden. Seinen „Horizont zu erweitern“, Sprach- und Kulturkenntnisse zu gewinnen und sowas. Klingt alles ziemlich hochgestochen, total philosophisch und als ich mir damals genau vor einem Jahr diese Ziele gesetzt habe, ehrlich gesagt ziemlich weit entfernt von meinem „deutschen Alltagsleben“: Freunde, Tanzen, Schule, Arbeiten, Joggen und dem Leben drum rum. Aber jetzt letztens, habe ich erst wieder genau diese Ziele gelesen.. und ich muss sagen: genau diese Ziele haben sich alle zu 100% erfüllt. Für mich ist dieses Auslandsjahr nicht nur mein erster längerer Aufenthalt im Ausland, sondern auch mein erstes ausziehen, nicht mehr bei den Eltern leben, meine ersten richtigen Arbeitserfahrungen, mit Verantwortung, lernen sich zurecht zu finden, lernen mit Kindern verschiedener Altersgruppen zu arbeiten. Lernen wirklich auf eigenen Beinen zu stehen, lernen sich in einem fremden Land fortzubewegen, lernen zu reisen, und und und … meine letzten 7 Monate sind so gefüllt voller Erfahrungen, schönen oder traurigen Erlebnissen, sowie Hochs und Tiefs. 

Denn ja, es is vielleicht in Trend gekommen ins Ausland zu gehen, doch in Deutschland, bekommt man davon dann ja auch nur die Instagrambilder, Snapchatstories, vielleicht mal Postkarten oder Sprachnachrichten mit … und darauf sieht so ein Auslandsjahr vllt manchmal wie ein langer Partyurlaub in exotischen Gebieten, Reisen, und unglaublichen Erlebnissen aus. Aber für mich, persönlich ist es soo viel mehr.. 

Du kommst in ein fremdes Land. Und die erste Zeit kannst du nicht mal so wirklich mit den Menschen reden, denn das spanisch, welches der liebe Porteño (die Einwohner von Buenos Aires) spricht, kann man mit tiefbayrisch im Gegensatz zu hochdeutsch vergleichen. Andere Aussprache, Grammatik, Bedeutungen, … nada que ver.

Aber das mit der Sprache wird von Tag zu Tag, Woche zu Woche besser und man lernt immer dazu.. bis es einem dann nicht mehr schwerfällt und man beginnt Deutsch zu verlernen oder bekommt Schwierigkeiten einige Dinge ohne spanische Wörter zu erklären.

Abgesehen von der Sprache, hab ich mich am Anfang auch voll überfordert von der Größe dieser Millionenstadt gefühlt. Musste erstmal lernen, hier Bus zu fahren, zu wissen, wo ich wann zu welcher Uhrzeit hinkann und wo und wie nicht. Ich glaube für Aussenstehende ist es schwierig zu verstehen, aber ich bin so unglaublich stolz mich hier frei bewegen zu können, zu den Orten hinzufinden, zu denen ich will und mich nur noch ab und an mal zu verfahren oder verirren. 

Wenn ich dabei an meine Schulzeit in Deutschland denke, in der ich nicht mal alleine aufs Klo wollte, merke ich, wieviel sich inzwischen eigentlich schon an mir verändert hat, wieviel selbstständiger und reifer ich geworden bin und wie froh ich darüber sein kann.

Dann kommt die Kultur dazu. Der gelassene, immerzu liebevolle und stets zuspäte Latino. Das Chaos, in allem. Bussen, Baustellen, der Regierung, dem Land, der Organisation. Aber was lerne ich da raus? Wertschätzung! Auf die Sicherheiten, die Privilegien, die Vorteile, Organisation und Bildung die wir in Deutschland ganz selbstverständlich von Kindheit an bekommen. Und ohne die wir es nicht kennen. Ja, nie wieder werde ich mich über einen verspäteten Bus oder eine verpasste Bahn aufregen… immerhin kommt der Bus, und es gibt überhaupt eine Uhrzeit zu der er eigentlich kommen müsste. Hier gibt es weder Fahrpläne, noch gut markierte Haltestellen (am Nahverkehr kann man das argentinische „System“ ganz gut beschreiben). Aber ich finde, von der Latino Kultur können wir uns in Deutschland auch vieles abschauen und eben Gelassener reagieren. Weniger aufregen, mehr genießen und chillen. Lieber den Moment genießen, sich nicht stressen lassen von Situationen und unnötig über Dinge aufregen bei denen es nicht nötig ist sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Und die Menschen sind hier generell offener, sprechen auf der Strasse, im Bus, in der Eisdiele untereinander und das freundlich und nicht schon genervt davon, dass eine fremde Person einen anspricht. Das fehlt uns in Deutschland etwas finde ich.. diese Latino Art Hallo mein Herz, wie gehts dir? Dieses herzliche, aber ungespielt.. das werde ich in Deutschland sicher vermissen.. aber andererseits habe ich mir davon auch viel angewöhnt, bin offener geworden und die Kultur ist durch dieses Jahr auch irgendwie in mir drin und ich hoffe ich kann das in Deutschland dann auch wieder zurückstrahlen.

Außerdem wurde ich hier sooo herzlich aufgenommen, durch meine Gastfamilie, die mich nicht einfach nur gratis bei sich wohnen lässt, sondern auch einen Teil der Familie hat werden lassen. Dadurch hab ich gelernt viel mehr zu teilen, offener für andere Leute zu werden und meine Gastmama, mit 45 Jahren ist für mich wie eine beste Freundin. Genauso wie meine Gastschwestern, mit 11 und 14. In Deutschland waren meine Freunde eigentlich immer alle mehr oder weniger meines Alters und ich konnte mir nicht vorstellen mal so tiefgründige „nach-dem-Abendessen-Gespräche“ wie ich sie hier oft mit meinen Gasteltern habe, zu halten. Dadurch, dass ich ein Jahr in einer anderen Familie und einem anderen Haus lebe, wurde mir auch unglaublich viel über meine eigene Familie in Deutschland, unser gut isoliertes Haus und einfach mein alltägliches Leben klar. 

Das klingt jetzt alles ziemlich positiv, aber natürlich ist es nicht nur das! Von oben betrachtet weiß ich die ganze Zeit, dass mir diese Zeit, die Arbeit und mein Leben hier so viel für mein Leben in Deutschland beibringt! Erfahrungen, die ich auf anderem Weg nie gemacht hätte. Aber um überhaupt erstmal dahin zu kommen, musste ich eben auch erstmal durch all die negativen Seiten gehen. Damit klarkommen, dass ich mich am Anfang nicht wirklich verständigen und total verloren gefühlt habe. Man auch oft über eben diese lockere und gechillte Kultur aufregt, alleine fühlt und eben auch oft alleine ist. Ich schreibe all das zwar allgemein, aber es sind natürlich alles meine persönlichen Erfahrungen, Erkenntnisse und ich weiß dass das Ganze bei anderen ganz andere Erfahrungen und Erkenntnisse weckt. Aber eins haben eben alle Auslandsjahre gemeinsam: man muss seine Komfortzone, sein festes, geregeltes Leben in Deutschland, seinen sicheren Freudeskreis, Hobbys und so viel mehr hinter sich lassen, um diese Erfahrung überhaupt erst machen zu können. Und das ist nicht für jeden etwas, denn wie gesagt, verlässt man einmal die Komfortzone, kommen auch viele unkomfortabel Dinge auf einen zu sowie unangenehme Situationen. Wenn man krank ist, und das nicht nur ein oder zweimal sondern irendwie jeden Monat mal. Oder man merkt dass durchschnittlich von 5 Verabredungen eine klappt. Aber genau dadurch sind dann eben auch all die Ziele von vorher plötzlich nicht mehr hochgestochene hochphilosophische Sätze, sondern dadurch verändert man einfach seinen Blickwinkel, bekommt durch eine fremde Kultur einen anderen Blick auf unsere, erweitert seinen Horizont und findet dabei vielleicht auch ein kleines Stück mehr zu sich selbst. 

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